Bewusste Integration von Feedback in offenen Lernumgebungen
Schülerinnen und Schüler zu befähigen, ihr eigenes Lernen selbst zu gestalten und zu steuern, ist eine der effektivsten Arten, nachhaltiges Lernen zu ermöglichen. Offene Lernumgebungen werden dabei als erster Schritt zum eigenständigen Lernen gesehen. Bei der Öffnung des eigenen Unterrichts ist die bewusste Integration von Feedback ein wichtiger Schritt, um das Lernen der Schülerinnen und Schüler weiterhin eng zu begleiten und diese bei Problemen zu unterstützen. Dabei kristallisieren sich vier zentrale Bereiche heraus, in denen Feedbackmethoden im offenen Unterricht besonders wertvolle Impulse setzen:
Selbstständiges Lernen durch Feedback begleiten
Gemeinsames Lernen durch Feedback stärken
Lernstrategien durch Feedback fördern
Unterricht durch Feedback reflektieren und anpassen
Selbstständiges Lernen durch Feedback begleiten
Innerhalb offener Lernumgebungen liegt ein stärkerer Fokus auf der Selbstständigkeit der Lernenden. Diese können sich innerhalb des vorgegebenen Lernsettings eigenständig bewegen und individuell entscheiden, welche Unterstützung sie für ihren Lernprozess benötigen. Lernprozesse verlaufen dadurch weniger synchron und für die Lehrkraft nicht mehr jederzeit unmittelbar sichtbar. Statt alle Schülerinnen und Schüler gleichzeitig durch denselben Lernschritt zu führen, begleitet die Lehrkraft individuelle Lernwege. Feedbackmethoden können hier helfen, dennoch Einblicke in die Lernprozesse der Lernenden zu gewinnen und auf dieser Grundlage gezielt sowie planvoll zu reagieren.
Mehr Zeit und Raum für individuelle Feedbackgespräche
Offene Lernsettings erlauben es der Lehrkraft, die Aufmerksamkeit gezielt auf einzelne Lernende, kleinere Gruppen oder auch spezielle Stolpersteine beim Lernen zu legen. Die selbstständige Beschäftigung der Schülerinnen und Schüler mit den Lerninhalten ermöglicht es der Lehrkraft, intensiver auf einzelne Lernende einzugehen und sie dadurch mit individuellerem sowie umfassenderem Feedback zu unterstützen. Zudem werden in diesen Gesprächen Schwierigkeiten beim Lernprozess schnell sichtbar und die Lehrkraft kann gegensteuern.
-
Offene Lernsettings bieten Lehrkräften mehr Zeit und Raum, individuelle Beobachtungen von Lernenden, ihrem Lernfortschritt und ihrer Arbeitsweise zu machen. Dies bietet die Chance, deutlich individueller und ausführlicher auf den einzelnen Lernenden einzugehen und diesen zu unterstützen.
Gesamtüberblick durch digitale Feedbackwerkzeuge
Digitale Feedbacktools ermöglichen es der Lehrkraft, schnell und einfach einen Gesamtüberblick über den Lernstand einer größeren Gruppe zu erlangen. Durch den Einsatz geeigneter Fragen können allgemeine Lernhindernisse sowie grundlegende Verständnisschwierigkeiten im Umgang mit den Inhalten identifiziert werden. Dies ermöglicht der Lehrkraft, entsprechend zu reagieren. Allerdings bleiben individuelle Lernprobleme dabei häufig unentdeckt.
-
Digitale Umfragen geben durch die Visualisierung von Ergebnissen unmittelbar Aufschluss über den Wissenstand einer größeren Lerngruppe.
Meilensteine als Anlass für Feedback
Um in einem offenen Lernsetting sowohl den Lernenden Rückmeldung zu ihrem Lernerfolg als auch den Lehrenden Einblicke in den individuellen Lernfortschritt – auch im Vergleich zur Lerngruppe – zu ermöglichen, bietet es sich an, innerhalb der Lernsequenz gezielt Meilensteine zu definieren, die als Anlässe für Feedback genutzt werden können.
Diese Meilensteine bestehen häufig aus abgeschlossenen Teilabschnitten einer Lernsequenz oder erledigten Teilaufgaben, insbesondere bei medienproduktiven Arbeiten oder Projekten. An diesen Punkten ist es sinnvoll, den jeweiligen Lern- bzw. Arbeitsstand durch Vorzeigen oder Hochladen zu dokumentieren und mit Rückmeldungen zu versehen. Dabei können auch unterschiedliche Feedbackgebende, etwa Mitschülerinnen und Mitschüler, einbezogen werden.
-
Zwischentests
Zwischentests ermöglichen eine schnelle Übersicht über die zuvor erlernten Inhalte. Einfachere Aufgaben mit automatisiertem Feedback können durch Audioaufnahmen ergänzt werden, in denen Zusammenhänge erläutert werden. Darüber hinaus bietet es sich an, das automatisierte Aufgabenfeedback durch Rückmeldungen der Lehrkraft zu ergänzen, um auch den Lernprozess gezielt zu unterstützen.
-
Peer-Feedback
Auch innerhalb einer Klasse können sich die Lernenden gegenseitig Peer-Feedback geben. Dabei ist es wichtig, das Geben von Feedback mit den Schülerinnen und Schülern gezielt zu trainieren und insbesondere zu Beginn geeignete Hilfestellungen in Form von Leitfragen oder Formulierungshilfen bereitzustellen.
-
KI-Feedback
Der Einsatz von KI-basierten Anwendungen bietet die Möglichkeit, die Menge an Feedback deutlich zu erhöhen. Neben etablierten Tools eröffnen individuell gepromptete Feedbacktrainer großes Potenzial, um passgenaue Rückmeldungen auf Grundlage des zuvor erarbeiteten Lernstoffs zu geben.
-
Vorzeigen von Ergebnissen
Bei Lernpfaden bietet es sich besonders bei jüngeren Lernenden an, in regelmäßigen Abständen den Lernerfolg sichtbar zu machen, etwa durch das Vorzeigen von Ergebnissen. Diese Phasen ermöglichen es, im direkten Gespräch ein individuelles und umfassendes Feedback zu geben. Durch das selbstständige Arbeiten der Schülerinnen und Schüler entstehen zudem Zeitfenster, die eine gezielte Betreuung einzelner Lernender erlauben.
Lernstandserhebung durch niedrigschwellige Feedbackmethoden
Mithilfe einfacher Feedbackformate lässt sich der Lernstand der Schülerinnen und Schüler schnell und niedrigschwellig erfassen. Sie ermöglichen eine unmittelbare Rückmeldung zum Verständnis von Lerninhalten und geben der Lehrkraft zeitnah Hinweise auf mögliche Schwierigkeiten oder Fehlvorstellungen.
Durch kurze Feedbackphasen während oder am Ende einer Unterrichtssequenz entsteht so ein schneller Überblick über den aktuellen Lernstand, der eine flexible Anpassung des Unterrichts ermöglicht.
-
Ampelabfrage / Becherabfrage (analog)
Mithilfe von Ampelabfragen lässt sich auf einfache Art und Weise einschätzen, wie gut Lerninhalte von Lernenden erfasst und verstanden wurden.
-
Digitale Whiteboard Abfrage
Über ein an der Projektionsfläche abgespieltes Quiz wird der Lernstand erfasst. Alle Schülerinnen und Schüler müssen ihre Antwort so groß wie möglich auf das Tablet schreiben und es anschließend zur Lehrkraft gedreht hochhalten. So bekommt diese einen schnellen Überblick über die Antworten.
-
Quiz
Abfragen mithilfe von Quiz-Anwendungen geben den Lernenden ein unmittelbares Feedback zu den erlernten Inhalten. Zudem bieten sie den Vorteil eines hohen motivationalen Effekts, der insbesondere durch den spielerischen bzw. wettbewerbsorientierten Charakter entsteht.
-
Kartenabfrage auf einer digitalen Pinnwand
Mit einer digitalen Pinnwand lässt sich während oder am Ende einer Lerneinheit erheben, welche Inhalte die Lernenden mitnehmen, welche Ziele sie sich für den weiteren Verlauf der Sequenz setzen und wo sie auf Schwierigkeiten gestoßen sind. Dies ermöglicht es der Lehrkraft, gegebenenfalls nachzusteuern und Lerninhalte gezielt zu vertiefen oder zu differenzieren.
-
Feedback in den Advance Organizer integrieren
Advance Organizer geben einen Überblick über die bevorstehenden Lerninhalte. Dies kann den Lernenden helfen, Inhalte besser zu verknüpfen und in einen übergeordneten Zusammenhang einzuordnen. Um den Lernstand und das Verständnis der Lernenden besser einschätzen zu können, kann die Struktur des Advance Organizers aufgegriffen und durch Inhaltszusammenfassungen sowie Erklärungen der Lernenden ergänzt werden. Durch interaktive Übungen kann zudem sichergestellt werden, dass die Lerninhalte nicht nur verstanden, sondern auch angewendet werden können.
-
Selbsteinschätzung
Über Tools zur Selbsteinschätzung geben sich Lernende in offenen Lernsettings immer wieder selbst Feedback und können so ihren eigenen Fortschritt erfassen.
Gemeinsames Lernen durch Feedback stärken
Lernen ist motivierender, wenn es in einer Gemeinschaft stattfindet. Auch in offenen Lernsettings sollte dieser Grundsatz berücksichtigt werden, indem gezielt Angebote für gemeinsames Nachdenken über Lernprozesse und Inhalte geschaffen werden.
Anbahnung von Lernpartnerschaften
Hilfe zur Selbsthilfe. Ein regelmäßiger Austausch über den Fortschritt der Lernenden, ihren neusten Wissenszuwachs sowie eine Vernetzung beim Setzen von Lernzielen bringt Schülerinnen und Schüler zusammen, die sich gegenseitig unterstützen können oder auch gemeinsam an gesteckten Zielen arbeiten können.
-
Suche und Biete- Tauschbörsen
Um das gemeinsame Lernen zu fördern, eignet sich eine „Suche-und-Biete“-Tauschbörse. Dabei können Schülerinnen und Schüler sowohl Unterstützung anbieten als auch gezielt Hilfe suchen. Auf diese Weise entstehen Lernpartnerschaften, in denen die Beteiligten gegenseitig voneinander profitieren können.
-
Bildung von Lerngruppen über gemeinsame Zielsetzung
Gerade in Arbeitsphasen bei Projekten oder bei der Erstellung medienproduktiver Aufgaben kann eine gemeinsame Zielsammlung für die kommende Doppelstunde oder die anstehende Woche Schülerinnen und Schüler miteinander verbinden, die sich ähnliche Ziele gesetzt haben oder vor vergleichbaren Problemen stehen. Im digitalen Raum bietet sich hierfür der Einsatz einer kooperativen Pinnwand an, über die passende Partnerinnen und Partner oder Kleingruppen gefunden werden können.
Formative Rückmeldungen durch Peer-Feedback
Peer-Feedback stellt einen Schlüssel beim selbstgesteuerten Lernen dar. Es bezeichnet eine Form des Lernfeedbacks, bei der Lernende einander während des Lernprozesses Rückmeldungen geben und empfangen. Es handelt sich dabei um formatives Feedback, das begleitend zur Bearbeitung von Aufgaben eingesetzt wird und darauf abzielt, Lernprozesse zu unterstützen und weiterzuentwickeln. Lernwirksames Peer-Feedback zeichnet sich dadurch aus, dass den Lernenden konkrete, sachbezogene und motivierende Informationen gegeben werden, die sie bei der Bearbeitung aktueller sowie zukünftiger Aufgaben unterstützen.
Das gegenseitige Geben von Feedback hilft, ein tiefergehendes Verständnis für Lerninhalte aufzubauen und gemeinsam Schwierigkeiten zu bewältigen.
-
Spinnennetz
Da Peer-Feedback eine anspruchsvolle Aufgabe darstellt und insbesondere jüngere Schülerinnen und Schüler schnell überfordern kann, bietet es sich an, diesen Prozess zu vereinfachen. Die Methode „Spinnennetz“ stellt den Lernenden eine strukturierte Vorlage zur Verfügung, anhand derer sie z. B. Übungsaufsätze differenziert bewerten können. Auf diese Weise erhalten die Verfasserinnen und Verfasser ein umfassenderes und stärker ausdifferenziertes Feedback, das gezielt für die Überarbeitung ihrer Texte genutzt werden kann.
-
Peer-Feedback bei Schreibaufträgen
Um die Feedbackfrequenz bei Schreibaufträgen zu erhöhen, bietet es sich an, Mitschülerinnen und Mitschüler als zusätzliche Feedbackquelle einzubeziehen. Da das Geben von umfassendem Feedback eine anspruchsvolle Aufgabe darstellt, können Leitfragen oder strukturierende Anleitungen die Lernenden dabei gezielt unterstützen.
Natürlich differenzierende Lernumgebungen durch kooperatives Lernen ermöglichen
Bei der Planung von offenen Lernsettings sollten von der Lehrkraft auch immer Aufgaben integriert werden, die unterschiedliche Sozialformen ansprechen. So tauschen sich Lernende automatisch über Lerninhalte aus und reflektieren ihr eigenes Lernen.
-
Sozialformen in Lernpfaden
Gerade Lernpfade verleiten dazu, dass jede Schülerin und jeder Schüler für sich arbeitet. Durch gezielte Aufgabenstellungen, die eine Änderung der Sozialform einfordern, kann das unterbunden werden.
-
Sozialformen in Projektarbeiten
Bei der Arbeit an Projekten oder medienproduktiven Aufgabenstellungen kann durch den Umfang der gestellten Aufgabe Einfluss auf die für die Durchführung ideale Sozialform genommen werden.
-
Gemeinsame Zielsetzung
Gerade in Arbeitsphasen bei Projekten oder beim Erstellen von medienproduktiven Aufgaben kann eine Zielsammlung für die kommende Doppelstunde oder anstehende Woche Schülerinnen und Schüler zusammenbringen, welche sich die gleichen Ziele gesetzt haben oder vor ähnlichen Problemen stehen. Im digitalen Raum bietet sich hier eine kooperative Pinnwand an, um passende Partner oder Kleingruppen zu finden.
Lernstrategien durch Feedback fördern
Beim eigenständigen Lernen spielen Lernstrategien eine deutlich größere Rolle als im klassischen Unterricht. Die Lernenden sind hier gefordert, ihr Lernen selbstständig zu planen, zu kontrollieren und sich intelligente Ziele, die sie mit den ihnen bekannten Lernstrategien erreichen können, zu stecken. Feedbackmethoden helfen hier, das Vorhandensein und das Funktionieren der Lernstrategien zu prüfen und zu unterstützen.
Für eine vertiefte Auseinandersetzung mit Lerninhalten sind die Einführung und Einübung von Lernstrategien Voraussetzung. Den Lernenden sollten zudem verschiedene Strategien zur Verfügung stehen.
Während des Lernens ist es wichtig, dass regelmäßig geprüft wird, ob die gewählten Lernstrategien zum gewünschten Ergebnis führen. Feedback hilft hier, frühzeitig zu erkennen, ob die gesteckten Ziele mit der Strategie erreicht werden können und ob die Lernenden konzentriert bleiben. So können Schülerinnen und Schüler ihr Lernen bewusst steuern und bei Bedarf anpassen.
Unterricht durch Feedback reflektieren und anpassen
Alle zuvor beschriebenen Feedbackmethoden können von der Lehrkraft auch genutzt werden, um die eigene Planung der Lernsequenz zu reflektieren. Auftretende Probleme und Schwierigkeiten weisen häufig darauf hin, dass innerhalb der Planung noch Stolpersteine für die Lernenden vorhanden sind. Insbesondere eine Häufung bei mehreren Schülerinnen und Schülern ist ein klarer Hinweis darauf, dass die Lernsequenz, der Lernpfad oder einzelne Aufgabenstellungen angepasst werden sollten.
Zudem kann eine gezielte Feedbackschleife im Anschluss an eine durchgeführte Lernsequenz eingesetzt werden, um spezifische Rückmeldungen zur Durchführung und Aufbereitung der Lerninhalte zu erhalten.
-
Muddiest Point des vergangenen Meilensteins
Um in offenen Lernsettings Schwierigkeiten frühzeitig zu erkennen und gezielt gegensteuern zu können, bietet sich die Methode „Muddiest Point“ an. Dabei formulieren die Lernenden Inhalte, die sich für sie als Stolperstein oder besondere Hürde erwiesen haben. Durch dieses Feedback erhält die Lehrkraft Hinweise darauf, wo Unklarheiten bestehen, und kann entsprechend unterstützend eingreifen. Die „Muddiest Points“ können sich dabei nicht nur auf fachliche Lerninhalte, sondern auch auf den Ablauf oder organisatorische Aspekte beziehen.
-
Umfrage
Am Ende einer Lernsequenz bietet es sich für die Lehrkraft an, die Lernenden gezielt zu befragen, um Rückmeldungen zur Konzeption der Sequenz, zur Aufbereitung der Lerninhalte sowie zur Durchführung im Unterricht zu erhalten. Digitale Tools ermöglichen dabei eine anonyme und schnelle Erhebung des Feedbacks.